Der Sauschuss


Entschlossenheit im Unglück ist immer der halbe Weg zur Rettung.

                                                                  Johann Heinrich Pestalozzi (1746 - 1827)


Manchmal ist eine schlechte Chance die beste, die wir haben, denn auch die Chance auf einen unwahrscheinlichen Erfolg ist einer sicheren Niederlage vorzuziehen. Das lässt sich regelmäßig beobachten, wenn ein Team bereits 12 Punkte erreicht hat:

 

Beispiel: Team A steht einen Punkt vor 13 und hält noch 5 Kugeln bereit. Team B hat schon 4 Kugeln gespielt, ohne erfolgreich gewesen zu sein. Gern werden dann die letzten beiden Kugeln gelegt, hoffend, sie mögen bei den unweigerlich folgenden Schüssen verfehlt werden. Eine einfache Überlegung zeigt jedoch, wie irrig dieses Vorgehen ist. Traut man dem Gegner nur eine Erfolgswahrscheinlichkeit von 50% zu, was nicht besonders hoch ist, so ist die Niederlage nahezu besiegelt, sofern gelegt wird. Jede zweite Kugel wird treffen und dann gibt es immer noch eine Reserve.

 

Die einzig realistische Möglichkeit besteht darin, mit der vorletzten Kugel das Cochonnet ins Aus zu schießen. Selbst wenn Team B das nur in einem von zehn Fällen gelingt, ist das erfahrungsgemäß die bessere Option. In einer neuen Aufnahme kann dann alles noch gut werden. Noch smarter wäre es freilich, schon Kugel 4 für den Sauschuss einzusetzen.


Trainingstipp: Da offensichtlich eine Notwendigkeit besteht, diesen Spielzug ins Repertoire aufzunehmen, sollte er auch geübt werden. Ein Schusstraining auf ein altes Cochonnet ist auch deshalb geboten, weil durch engeres Zielen die Tireurfähigkeit verbessert wird (siehe hierzu: Enger zielen, besser treffen). Tatsächlich empfindet man nach einer ganzen Serie von Cochonnetschüssen die Aufgabe, eine simple Kugel zu treffen, als fast banal. Steigt die Erfolgswahrscheinlichkeit in diesem Métier, so kann der Sauschuss auch als ganz normales Mittel eingesetzt werden, mit dem hoher Kugelvorteil ausgenutzt wird.


In hochklassigen Spielen, wie sie sich beispielsweise auf Youtube zuhauf finden lassen, kommt der Sauschuss häufiger vor und wird auch früher im Spiel eingesetzt. Das liegt daran, dass auf diesem Niveau einfach nicht mehr davon ausgegangen werden kann, dem Gegner werde eine seiner Aktionen misslingen. Bei erheblichem Kugelnachteil wird dann lieber versucht, die Aufnahme zu annullieren.


Taktiktipp: Weise ist es, sich die Möglichkeit des Sauschusses schon beim Cochonnetwurf zu erleichtern. Ist der Gegner mit Vorsprung schon fast am Ziel, spielt man besser schräg und näher an den Spielfeldrand. So kann das Schweinchen auch bei einem ungenügenden Treffer noch ins Aus rollen.


Was ist aber bei einem Spiel auf "Terrain libre"? Bei Spielen ohne Feldbegrenzung ist es schwer, sich auf die oben beschriebene Weise zu retten. Es ist dann eine schöne Geste, dem unter Druck stehenden Team anzubieten, die Aufnahme zu annullieren, wenn das Schweinchen im direkten Beschuss nur irgend berührt wird. Ein solches "Gentlemen´s Agreement" ist eine wahre Zierde der Fairness.

Nachfolgend wird dieses Vorgehen eingehender beschrieben:

 

Sich ritterlich zeigen - ein Spiel adeln
Sich ritterlich zeigen - ein Spiel adeln

Berührt geführt – ein „Gentlemen´s Agreement“: Hat eine Mannschaft schlecht gespielt und Anlass zu der Vermutung, der Gegner werde in Folge der entstandenen Situation sehr viele Punkte erzielen oder gar den Sieg erringen, ganz gleich, welche Maßnahmen noch ergriffen werden, dann steht ihr, wie oben beschrieben, ein finales Mittel zur Verfügung: Der Sauschuss mit dem Ziel, die Zielkugel ins Aus zu befördern und eine Neuaufnahme zu erzwingen. 

 

Auf einem Platz ohne Bahnbegrenzung ist das Aus jedoch meist so weit entfernt, dass es sich nicht lohnt, zu diesem Mittel zu greifen, weshalb bedauerlicherweise diese wichtige taktische Maßnahme zu wenig geübt wird. Abhilfe kann eine informelle Übereinkunft zwischen beiden Teams bringen. Dabei wird dem Gegner eine Neuaufnahme angeboten, wenn es ihm gelinge, die Sau zu berühren. Es ist demnach nicht von Belang, an welche Stelle sie durch die Aktion bewegt wird. Wird die Zielkugel also von der zu spielenden Kugel berührt, nachdem sich beide Teams geeinigt haben, gemäß diesem „Gentlemen´s Agreement“ vorzugehen, hat dies die Neutralisierung der gegenwärtigen Aufnahme zur Folge. Das Spiel wird dann in einer weiteren Aufnahme fortgesetzt.

 

So zu spielen ist nichts, das verlangt werden kann, denn es entspricht nicht den offiziellen Regeln. Es ist eine Gunst, die man vom Gegner erbittet; eine Möglichkeit, sich ritterlich zu zeigen; ein Kniff, ein ansonsten gutes Spiel nicht durch ein dummes Missgeschick enden zu lassen. Man sollte schon deshalb häufiger davon Gebrauch machen, weil es geeignet ist, die Verbissenheit aus den Partien zu nehmen.

 

Konkretisierung: Ein Sauschuss gemäß der Regel „Berührt geführt“ sollte nur erlaubt sein, um sich selbst aus einer Notlage zu retten. Demgemäß ist es Voraussetzung, dass beide Mannschaften noch Kugeln zu spielen haben. Die Maßnahme sollte also nicht dazu dienen, selbst auf geschickte Weise viele Punkte zu erzielen, wenn sich der Gegner leergespielt hat. Das Ziel, die Sau ins Aus befördern zu wollen, muss zuvor klar angekündigt werden.

 

Thorsten