Das Spiel - Die Sinnhaftigkeit des Nutzlosen


 

Ich bin zu alt, um nur zu spielen, und zu jung, um ohne Wunsch zu sein. 

 

Johann Wolfgang von Goethe,

aus: Faust – Der Tragödie erster Teil 


Aufbruch in eine Welt, in der jeder Fehler der letzte sein kann
Aufbruch in eine Welt, in der jeder Fehler der letzte sein kann

Als Spieler sind wir stets aufs Neue damit konfrontiert, erhebliche Anstrengungen in eine scheinbar sinnlose Sache zu investieren. Wie lässt sich das rechtfertigen? Sollten wir nicht nach einem Nutzen Ausschau halten, der, wie immer auch geartet, unserem Handeln Sinn verleiht, oder ist das Betreiben einer Leidenschaft, rein um ihrer selbst Willen, nicht nur die adäquate, sondern auch die erfolgversprechendere Herangehensweise?

 

Extrembergsteiger und Autor Reinhold Messner entwickelt in zahlreichen Interviews [1] einen Gedankengang, der auch auf die Welt des Spiels übertragbar scheint: Betrachtet man das Extrembergsteigen, so ist es demnach geboten, zwischen Nützlichkeit und Sinnhaftigkeit strikt zu unterscheiden. Wie groß die Leistungen bei den Versuchen auch sein mögen, die unzugänglichen Orte des Planeten zu erreichen; wie immens die zu überwindenden Gefahren auch sind, objektiv betrachtet ist alles damit verbundene Handeln nutzlos, denn paradoxerweise stellt solches Bergsteigen letztlich den Versuch dar, lebendig aus einer Gefahr hervorzugehen, die leicht hätte vermieden werden können. Gleichwohl ist solches Tun dennoch von individueller Sinnhaftigkeit erfüllt, die das Individuum jeweils aus innerster Motivation gewinnt. Der Mensch schöpft den Sinn seines Handeln aus sich selbst.

Bergexpeditionen des höchsten Schwierigkeitsgrades werden Monate oder gar Jahre im Voraus geplant und bedürfen intensiver logistischer Vorbereitungen, und doch geht es bei dem ganzen Unterfangen letztlich um die einfache Frage: „Kann ich es schaffen? Bin ich in der Lage, die selbstgewählte Herausforderung zu meistern?“ Der eigentliche Sinn solchen Tuns aber, der wahre Zweck des Wagnisses, entfaltet sich in unmittelbarem Handeln, wenn der Mensch in der Extremsituation auf seine Instinkte und Fähigkeiten zurückgeworfen ist; wenn sich entscheidet, ob die Probe bestanden wird. Keineswegs liegt er in der späteren Verwertung des Erfolges, sei es in Form von Ruhm oder Geld. Beides mag sich einstellen und auch genossen werden, doch erst im Nachhinein. Auch mag sich in der Rückschau eine Befriedigung über das Erreichte ergeben. Wirklich glücklich jedoch ist man im Moment des unmittelbaren Handelns, freilich häufig "ohne es zu wissen". 

Wer sich dagegen in die Berge begibt, allein um der „Früchte“ des Nützlichen Willen, schwebt in Gefahr. Er entfernt sich aus dem Kontext der unmittelbaren Aufgabe und ordnet diese einem „höheren“ Zweck unter. Die Extremleistung wird so zum Mittel, etwas ganz anderes zu erreichen, was die Versuchung in sich birgt, zu viel zu wagen und das rechte Maß für das unmittelbar Gebotene zu verlieren. [2] Ohne die vollständige und alleinige Identifikation mit der Aufgabe fehlt das entscheidende Quäntchen an Motivation, die emotionale Stärke, die Besessenheit, die eigenen Kräfte vollständig zu aktivieren.

Glück entsteht also mit dem unmittelbar gegenwärtigen Handeln. Es existiert im Nachhinein nur in abgeleiteter Form und ist am authentischsten, wenn der Mensch ganz auf sich selbst zurückgeworfen ist, auf seine Fähigkeiten und Instinkte, wenn er ohne weitere Hintergedanken einfach funktioniert und alles in ihm darauf ausgerichtet ist, die Bewährungsprobe zu bestehen.

Ganz ähnlich erleben wir es im Spiel. Natürlich begeben wir uns dabei nicht in Todesgefahr, um lebendig zurückzukehren, doch setzen wir uns der Möglichkeit aus, Niederlagen zu erleiden, letztlich mit dem einen Ziel, diese zu vermeiden. Ist dieses Wagnis im Kleinen nicht mit derselben Logik zu betrachten? Auch im Spiel wollen wir sehen, ob wir es schaffen können, wollen diesen Moment erleben, in dem wir eins werden mit unserem Handeln (Flow).

Sind dann nicht jene Spieler, die um den Wert dieser Momente wissen, die bewusst danach suchen oder zumindest hoffen, sie mögen sich einstellen, letztlich die Glücklicheren? Hat man nicht allzu häufig eine Verabredung mit dem Unglücklichsein, wenn das Spiel als Mittel zum Zweck betrachtet wird, geführt um des Prestiges Willen? Glücksempfinden entspringt beim Spielen der Passion und auch Wettkämpfe wollen letztlich in diesem Sinne bestritten sein - nämlich mit der Lust am Kämpfen und nicht mit dem Schielen nach Gewinn. [3]

Das Spiel will uns ganz. Es will nicht Mittel sein, sondern, solange es andauert, einziger und alleiniger Zweck. Dann schenkt es uns jene Momente, die wir als äußerst beglückend empfinden, die uns, und sei es nach ungeheurer Anstrengung, gehobener Stimmung vom Bouleplatz zurückkehren lassen, befriedigt und dessen gewiss, uns selbst einen Moment gelingenden Lebens beschert zu haben.

Thorsten


Ergänzung: Im Lichte dieser Betrachtung lässt sich vielleicht eine Eigentümlichkeit besser verstehen, über die sich Außenstehende immer wieder wundern: Das ist die Ernsthaftigkeit, mit der spielende Akteure häufig zu Werke gehen. Sichtbare Formen der Freude und Ausgelassenheit - vielleicht klischeehaft mit unserem Spiel verbunden - werden vermisst. Doch immer dann, wenn solches hervortritt, ist die Aufgabe zu leicht, um in jene Regionen vorzustoßen, die oben skizziert wurden. Wenn das Gegenteil sich zeigt, also Verzweiflung oder offensichtlicher Ärger, dann ist die Aufgabe zu schwer, oder das Spiel nur Mittel zum Zweck, dessen Verfehlen Anlass zu Grimm und Hader bietet. Die ernsthafte Konzentriertheit hingegen, das innere Versammeltsein, die schweigende Gespanntheit, sie alle zeugen mitnichten von Freudlosigkeit. Ganz im Gegenteil sind sie Ausweis eines vollkommen gelingenden Spiels, dessen Akteure nirgendwo anders zu finden sind, denn bei sich selbst.


[1] https://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/ndr_talk_show/Bergsteiger-Abenteurer-und-Autor-Reinhold-Messner,ndrtalkshow6972.html (Die Passage am Ende des Interviews steht für viele ähnliche Sendungen)

https://www.sueddeutsche.de/leben/reinhold-messner-wir-lernen-nur-durch-scheitern-1.335957-0

"Nicht mehr der Gipfel war wichtig, sondern der Weg zum Gipfel. Und dann kam die Erkenntnis, dass das Ganze unnütz ist, reiner Selbstzweck."

[2] "Ob ich dann durchkomme oder nicht, das ist nicht so wichtig. Ich bin häufig gescheitert. Ich muss nie mehr Erfolg haben. Aber ich muss es weiterhin versuchen dürfen.https://www.pnn.de/kultur/interview-mit-reinhold-messner-ich-bin-der-eroberer-des-nutzlosen/21635462.html

[3] Dabei bin ich mir freilich dessen bewusst, wie stark die Verlockung ist, es eben doch anders zu sehen. Es gibt wohl niemanden, der ihr nicht zumindest zeitweise erläge. Gewiss haben viele schon die Erfahrung gemacht, in einem Turnier völlig blockiert aufgespielt zu haben. Dann aber, ausgerechnet im Moment höchster Schwierigkeit, wenn es kein Taktieren mehr gab, mit dem Rücken zur Wand stehend, fielen plötzlich die Blockaden ab, und ein rauschhaftes und erfolgreicheres Handeln setzte ein, ein Zustand, der von starker innerer Zufriedenheit begleitet war. Der eigentliche Sinn aller Bemühungen hatte sich gezeigt und erfüllt - das unmittelbar gelingende Handeln

 

Ein Mitspieler bemerkte einmal spontan, angesichts des satt scheppernden Klanges eines lupenreinen Carreau: "Genau das ist der Grund, warum wir alle wiederkommen."  Ja, genau so ist es.


Bild: Kanenori auf Pixabay