Angstgegner


Zwischen Vorsicht und Angst verläuft im Spiel eine wichtige Trennline. Jenseits dieser „Wasserscheide“ stürzen alle Ströme in ein tiefes Tal, das sie mit ihrer ungehemmten Gewalt verwüsten. Diesseits hingegen nähren sie das Spiel; netzen die Spielkunst; laben die Zuversicht. Vorsicht ist etwas, zu dem wir uns bewusst entschließen, um in einer Partie die Kontrolle zu behalten. Angst dagegen greift nach uns; liefert uns aus; entreißt uns unser Handlungsvermögen.

Immer wieder einmal begegnen wir Kontrahenten, die wir nur schwer bezwingen können. Läge es allein am technischen Vermögen, sollten wir vielleicht zwei oder drei von zehn Spielen gewinnen können – und doch gelingt uns nicht einmal dieses. Mit jeder Niederlage wird es gar schlimmer, bis wir schließlich Spiele verloren geben, bevor überhaupt die erste Kugel gerollt ist. Offensichtlich haben wir es dann mit Angstgegnern zu tun, die in uns etwas auslösen, das uns hinter unseren Möglichkeiten zurückbleiben lässt.

Worin besteht die Angst?

Wenn wir Spiele angesichts starker Gegner ohne Gegenwehr einfach herschenken oder unser gewohntes Leistungsniveau nicht erreichen, lässt sich die Ursache meist zu einer bestimmten Quelle zurückverfolgen: Gedanken an den Ausgang der Partie.[1] Während eigentlich all unsere Sinne auf das gegenwärtige Handeln ausgerichtet sein sollten, beschäftigt sich unser Geist damit, wie das Spiel wohl ausgehen mag; wie wir dann dastehen, wenn wir gewonnen oder verloren haben und was das alles für den Fortgang des Turniers bedeutet – Gedanken, die überflüssiger nicht sein können. Wollen wir professioneller spielen, sollten wir uns Erwägungen und Wertungen dieser Art systematisch abgewöhnen. Beispielsweise ängstigen wir uns ja nicht im eigentlichen Sinne vor einem Fehlschuss, sondern vor der Bedeutung, die er für uns haben könnte[2]. Im Falle von Angstgegnern meinen wir, den Ausgang der Partie bereits zu kennen, von dem wir gewiss sind, er werde nicht zu unseren Gunsten ausfallen. Finale Anstrengungen werden so erst gar nicht mobilisiert. Unser Metier sollte aber nicht die Prophetie sein, sondern der Kampf!

Der goldene Ratschlag: „Immer nur die nächste Kugel spielen!“ hilft gegen zu viel Emotionalität im Spiel und natürlich auch gegen Angstgegner:

Jede gespielte Kugel schafft im Pétanque eine Situation, für die es in der Regel mindestens eine Lösung gibt, meist existieren gar mehrere Optionen. Wir sollten uns jeweils für eine von ihnen entscheiden und unsere Aktion dann so konzentriert wie möglich ausführen. Bis wir gehandelt haben, ist der Gegner zur Passivität verurteilt. Es sollte unser Handeln in keiner Weise beeinflussen, ob wir gegen einen Meister oder einen Anfänger spielen; ob gegen jemanden, der uns schon viele Niederlagen bereitet hat, oder jemanden, den wir beherrschen können. Vielleicht verlieren wir am Ende, das werden wir sehen, jetzt aber ist jetzt. Jetzt wird nur diese Kugel gespielt. Alles Weitere muss warten. Entschließen wir uns zu legen, braucht es uns nicht zu kümmern, ob der Gegner gleich treffen oder lochen wird, denn wir werden es ohnehin bald erfahren. Schießen wir, geht es nur darum zu treffen, ganz gleich, ob unser Kontrahent wieder eine gute Kugel wird produzieren können oder scheitert.

Werden spiele in dieser Weise angegangen, bedeutet das, gegen Ängste aller Art gewappnet zu sein. Was bringt es, sich an Prophezeiungen über die Spielstärke des Gegners zu versuchen? Diese muss sich jeweils erst auf dem Platz manifestieren. Auch sehr gute Spieler können ihr Spielvermögen nicht jederzeit abrufen. Auch sie unterliegen Stimmungsschwankungen, haben gute und schlechte Tage. Daher gilt:

 

„Spiele gegen die Kugeln, nicht gegen den Gegner“

 

Den Spieß umdrehen:

Mit diesem Rüstzeug im Gepäck können wir dann einen weiteren Schritt gehen. Wir sollten uns bei der Auslosung bisherige Angstgegner geradezu herbeiwünschen. Dabei haben wir das Ziel im Blick, unser Spielvermögen da zu vervollkommnen, wo es Mängel aufweist. Hierdurch sind wir dann dieser eigens herbeigewünschten Situation nicht mehr ausgeliefert. Ebenso schwindet der Wert, den wir einem möglichen Sieg beimessen. So schrumpft die Bedeutung eines denkbaren Turniererfolges – die Angst verliert ihren Gegenstand. Langfristig wird uns ohnehin nur das Vermögen tragen, schwierige Situationen bestehen zu können. Genau darum sollten wir uns immer wieder versierten Gegnern stellen. Die eigene Spielkunst zu mehren, muss absoluten Vorrang besitzen.

 

 

Wagen wir es also, unsere Angst bis in jene Höhle hinein zu verfolgen, in der sie sich verbirgt und zerren wir sie ans Licht. Suchen wir unsere Angstgegner gezielt auf. Das Schicksal der Gespenster ist es, sich in nichts aufzulösen, sobald sie der erste Sonnenstrahl trifft.

 

Thorsten

 

"Nur wenn wir in den Abgrund hinabsteigen,
finden wir die Schätze unseres Lebens.
Dort, wo du stolperst, liegt dein Schatz.
Genau die Höhle, die du dich fürchtest zu betreten,
erweist sich als die Quelle dessen,
was du suchst."

Joseph Campbell


Anmerkung: Man mag sich fragen, wie das hier Gesagte mit jenen Artikeln vereinbar ist, die sich mit der Einschätzung der Gegner beschäftigen, also mit Strategie und Taktik: Zum einen geht es dabei immer darum, Konkretes oder Nützliches zu ermitteln, das bei der Entscheidungsfindung hilfreich ist. Es sollen spezifische Stärken und Schwächen der Gegner erkannt werden. Globale Aussagen über deren vermeintliche Unschlagbarkeit sind damit gewiss nicht gemeint.

Gleichwohl ist einzugestehen, dass solcherlei Betrachtungen sicher nicht jedes Spielers Fall sind. Sie bieten zusätzlichen Nutzen dem, der damit umzugehen weiß. Mancher jedoch wird abgelenkt und hierdurch in seinem unmittelbaren Tun beeinträchtigt. Wenn die Beschäftigung mit Strategie und Taktik keinen Nutzen bringt, ist es besser, zunächst ganz das eigene Spiel in den Fokus zu nehmen. Es kann tatsächlich befreiend sein, sich davon zu lösen und die Spielführung in die Hände eines erfahreneren Partners zu legen.


[1] Dabei kann man grob zwei Fälle unterscheiden: das vermeintliche Wissen um den negativen Ausgang der Partie und die bloße Furcht vor der Niederlage. Klassischerweise ist ein Angstgegner derjenige, gegen den man einfach zu häufig verloren hat, um für eine kommende Partie noch zuversichtlich zu sein. Aber auch andere Faktoren können eine Rolle spielen. Vielleicht hegt man in einer entscheidenden Partie Befürchtungen, man könne gegen einen Neuling unterliegen, der sich rasch verbessert hat; oder man hat Schwierigkeiten, Gegner zu besiegen, die als besonders unsympathisch empfunden werden, oder mit denen man gar im Streit liegt. Unter dem Strich bleibt die Ursache des Problems jedoch die befürchtete oder angenommene Niederlage. Die geistigen Ressourcen, die solches Denken bindet, stehen nicht für das Spiel zur Verfügung.

 

[2] Der Philosoph Epiktet meinte: "ES SIND NICHT DIE DINGE SELBST, DIE UNS BEUNRUHIGEN, SONDERN DIE VORSTELLUNGEN UND MEINUNGEN VON DEN DINGEN."

 

Bilder: 

Berglandschaft: Free-Photos from Pixabay

Nebelbild: Luca Finardi from Pixabay